"So etwas bekommt man nie wieder aus dem Kopf."Enno Lenze im Interview zu Irak und Kurdistan

Die Ereignisse aus dem Irak flimmern jeden Abend über die deutschen Fernsehbildschirme. Wir wollten mit jemandem darüber sprechen, der wirklich vor Ort war und die Menschen im Land kennt.

Peschmerga in Erbil

Peschmerga in Erbil (Foto: Sadik Gulec | Shutterstock)

Enno Lenze ist ein Kenner der Region. Er verfügt über gute Verbindungen zu kurdischen Politikern und Militärs – und war kürzlich erst selbst im Nordirak unterwegs. Wir wollten von ihm wissen, was dort gerade wirklich gebraucht wird, wie die Menschen den Konflikt erleben und wie sich der Konflikt weiterentwickelt könnte.

Enno Lenze im Interview

„Ich habe gerade mit jemandem telefoniert, der heute vergewaltigte, zerstückelte Kinderleichen sehen musste. So etwas bekommt man nie wieder aus dem Kopf.“

Enno Lenze

Enno Lenze (Foto: Benjamin Bergemann)

1. Warum interessierst Du Dich für den Vormarsch der ISIS im Irak und die Reaktion der Kurden darauf? Ich meine, der Konflikt ist doch weit weg und es gibt auch ganz in der Nähe – zum Beispiel in der Ukraine – Geschichten, die erzählt werden wollen.

Ich besuche Kurdistan im Norden seit Jahren und habe dort viele Freunde. Ich kenne die Orte, die ich im TV sehe. Da ist die emotionale Bindung eine ganz andere. Täglich telefoniere oder chatte ich mit den Leuten vor Ort, sehe Bilder, bekomme Videos. Ich bin durch die Besuche auch mit den Militärs und Politikern vor Ort gut vernetzt und bekomme dadurch viele Informationen, bevor sie in den Medien sind. Das sorgt dafür, dass man wieder mehr mit Leuten aus dem Bereich Kontakt hält, wodurch man noch dichter dran ist. Ein Teufelskreis.

2. Als was siehst Du die ISIS/IS? Als Terrorgruppe? Als Staat?

Als sehr gefährliche Terroristengruppe. Da in der Führung alte Saddam-Generäle sind, haben sie ein sehr gutes militärisches Vorgehen. Und weil sie in der Basis völlig verstrahlte Jihadisten haben, haben sie auch genug Kanonenfutter. Dazu verfügen sie über viel Geld (ca.  2 Milliarden US-Dollar) und es gibt kaum jemanden, der sie stoppt.

3. Haben Dich die militärischen Erfolge überrascht?

Erst ja. Nachdem klar war, dass die Ba’ath Partei ihre Finger im Spiel hat, nicht mehr. Die haben leider viel Erfahrung damit. Sie wollten Kuwait und den Iran überrennen, haben versucht, die Kurden auszurotten und mussten ihr Volk im Schach halten.

4. Befürwortest Du deutsche Waffenlieferungen an die Peschmerga als Antwort auf die militärischen Erfolge der ISIS?

Ja. Ich habe gerade eben mit einem Soldaten gesprochen, der am Mossul Damm dabei war. Ich kenne ihn seit Jahren persönlich. Er sagt, sie brauchen Boden-Boden-Raketen und große MGs – zum Beispiel Kaliber .50. Die ISIS hält sie mit solch großen MGs von gepanzerten Wagen aus im Schach. Sie müssen dem etwas entgegensetzen.

Von Heckler und Koch sollen HK 416 kommen. Diese sind dem amerikanischen M4 sehr ähnlich und benutzen auch die gleiche Munition. M4 waren schon vor Ort, als ich da war. Der Soldat vor mir hatte seins auf dem Klo stehen lassen, daher weiß ich das sicher.

Ansonsten brauchen sie MILAN Raketenwerfer, um die gepanzerten Fahrzeuge loszuwerden. Die Sorge, diese Waffen könnten an die PKK oder ähnliche Gruppierungen gehen, finde ich wirr. Die PKK ist ein Land weiter und die haben nicht den besten Kontakt zu den irakischen Kurden. Davon abgesehen gehören die Peschmerga zu den irakischen Streitkräften, sind also keine Milizen, Rebellen oder so etwas. Sie haben noch nie Waffen an die IS verloren – ganz im Gegensatz zur irakischen Armee.

5. Warum? Wäre es nicht besser direkt militärisch einzugreifen?

Gerne! Dann aber jetzt sofort ab in die Transall. Angela Merkel hat im Gepäck 24/7 ihren schwarzen Blazer dabei, falls es einen Todesfall oder ähnliches gibt und sie vor die Kameras muss. Den kann sie dann direkt an lassen. Es sterben nämlich täglich Peschmerga und YPG Kämpfer vor Ort. Ich glaube nicht, dass die Bundeswehr das erledigen will. Zum anderen kostet so ein Einsatz auch Geld. Die Kassen sind aber leer. Die kurdische Regionalregierung will ja keine Waffen oder Soldaten geschenkt, sie wollen die ganz regulär kaufen. Also: besser Geld verdienen als ausgeben.

6. Das klingt zynisch. Resigniert? Fehlen dem Westen die richtigen Instrumente, um auf solche Krisen zu reagieren?

So etwas ist einfach gar nicht vorgesehen. Im Normalfall gibt man es an die UN. Die schreibt dann für hohe Summen den Job aus. Die ärmsten Länder nehmen ihn an und schicken Soldaten für einen Hungerlohn hin. Der Staat verdient daran und kann seinen Haushalt sanieren. Es gibt auch die selteneren Fälle, in denen die westlichen Länder Blauhelme stellen. Das sieht man dann im TV. Dieses moderne Söldnertum ist der Ablasshandel, auf den man sich geeinigt hat. Die Bundeswehr kann gut Sicherungsaufgaben wahrnehmen oder beim Aufbau unterstützen, aber keine ISIS jagen. Das könnte die GSG9 oder die KSK machen – aber das muss man erst einmal der Öffentlichkeit erklären. Unterm Strich können wir es also politisch nicht leisten.

Flüchtlingscamp in Dohuk, Kurdistan

Flüchtlingscamp in Dohuk, Kurdistan (Foto: Paskee | Shutterstock)

7. Lass uns mal in die Glaskugel schauen! Wie sieht die Region in 2-3 Jahren aus? Können die Kurden ihre Gebiete halten? Wird der „Islamische Staat“ wieder verschwinden oder sich etablieren? Vielleicht sogar ausdehnen? Immerhin saugt die Organisation derzeit radikale Islamisten aus der ganzen Welt auf.

Die Peschmerga können ihre Gebiete derzeit halten, am Rand zu Syrien auch zusammen mit der YPG. Die neuen Waffen kommen seit einer Woche langsam an. Wenn sie mehr bekommen, können sie die ISIS auf ihrem Gebiet schlagen. Dann kann man wieder an das Referendum denken. Die Frage ist nur, ob Kerry für die Luftangriffe das Versprechen bekam, dass das Referendum doch nicht durchgeführt wird. In diesem Fall gibt es einen Föderalen Irak mit zwei bis drei Zonen, die sich in hohem Maße selbst verwalten. Kurdistan ist weiterhin reich und boomt, hängt aber vom Öl ab. Die ISIS wird geschwächt und sucht sich einen neuen Staat zum aussaugen, Syrien zum Beispiel.

8. Muss der Westen am Ende vielleicht sogar Assad militärisch unterstützen, um die ISIS zu stoppen?

Wenn Assad und die ISIS sich bekriegen, breche ich die strategischen Popcornreserven an und jubele bei jedem Schuss. Aber leiden würde ganz praktisch wie immer die Bevölkerung, die weiter verarmt und stirbt. Es könnte aber gut sein, dass man dann dort helfen muss und dabei Assad loswird. Davon wird es in Syrien nicht besser, aber das ist ein anderes Kapitel.

9. Wie ist die Stimmung innerhalb der kurdischen Kräfte?

Gut, aber angestrengt. Sie machen Fortschritte, sind sehr motiviert, sehen aber grausame Dinge. Ich habe gerade mit jemandem telefoniert, der heute vergewaltigte, zerstückelte Kinderleichen sehen musste. So etwas bekommt man nie wieder aus dem Kopf. Aber das ist nun mal Krieg.

Und sie fühlen sich von der Welt im Stich gelassen, weil sie die Waffen brauchen. Aber ansonsten ist es weiterhin gut, weil die Leute sich untereinander motivieren und mit sehr viel Elan kämpfen.

Wartende Autos vor einer Tankstelle im Nordirak

Wartende Autos vor einer Tankstelle im Nordirak (Foto: Ryan Rodrick Beiler | Shutterstock)

10. Nimmt die Zivilbevölkerung die Bedrohung wahr?

Ja natürlich. Aber sie haben ein solches Gottvertrauen in ihre Soldaten, das kann man sich nicht vorstellen. Ich habe dutzende Male gehört “Die ISIS kann gegen die Peschmerga nichts machen, wir sind sicher!”

11. Wie siehst Du die Chancen für einen souveränen und international anerkannten kurdischen Staat auf dem Gebiet des jetzigen Irak?

Das hängt alles von den USA ab. Wenn die „Ja“ sagen, dann geht es. Da ist das Verhandlungsgeschick von Masosud Barzani – dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan – ein weiteres Mal gefragt. Bisher wollen die USA das jedoch nicht.

Enno Lenze

Enno Lenze

Enno Lenze (Foto: Benjamin Bergemann)

Enno Lenze ist Unternehmer, Journalist und Aktivist. Er hat Jura und Informationstechnik studiert und führt mehrere Unternehmen – u.a. das Berliner Gruselkabinett und den Berlin Story Verlag. Der sympathische Wahlberliner ist Herr über einen Bunker und bereist Krisengebiete. Bis 2014 war Enno Mitglied der Piratenpartei. Er engagiert sich im Chaos Computer Club und für den Geschichtsverein Historiale.

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